Yogalehrer-Vertretung: “Das machen wir aber sonst anders”

Über Gewöhnung und warum es sich lohnt, die Stunden verschiedener Yogalehrer zu besuchen

20190217-_GKU7329Freitagnachmittag, 16:30. Nach Wochen habe ich mir einen Nachmittag freigeschaufelt, um ihn endlich wieder zu sehen: Meinen Lieblingsyogalehrer, der so einzigartig unterrichtet wie sonst keiner, obwohl es viele gibt, die genau die gleiche Ausbildung genossen haben wie er, den gleichen Stil unterrichtet. Aber irgendwas an der Art und Weise, wie er spricht, wie er Stunden gestaltet und mir gruseligerweise ganz oft direkt in die Seele schauen kann, macht ihn besonders. Sogar in dieses doofe Fitnessstudio bekommt er mich, denn dies ist die einzige Stunde dieser Art in der Woche in der ganzen Stadt. Er ist kein berühmter Guru, der in der ganzen Welt umherturnt und Wunder bewirkt. Er ist nicht einmal in dieser Stadt besonders bekannt. Aber nach jeder Stunde bei ihm fühle ich mich so frei, so stark, so neu!

Als ich in Flip-Flops die Treppe zum Studio hochwatschele und durch die Glastür in den Raum schaue, in welchem die Props für die Stunde vorbereitet werden, stoppt mein Herz einen kleinen Moment: Da steht eine Andere. Eine, die ich noch nie gesehen habe. EINE VERTRETUNG. Ich überlege kurz, ob ich nicht umkehre und mich stattdessen in die Sauna setze. Aber ich bleibe. Einige andere, die den Kurs regelmäßig besuchen, drehen tatsächlich um, als sie bemerken, heute ist ER nicht da… oder noch schlimmer, sie sprechen kurz leicht verächtlich mit der Vertretung: “Nichts für ungut, aber ich bin extra wegen ihm hier…”

Auch als Yogalehrerin bin ich natürlich Yogaschülerin und kenne dieses Gefühl. Es spricht überhaupt nichts dagegen, einen Lieblingslehrer zu haben, dessen oder deren Stunden du bevorzugst. Aber trotzdem lohnt es sich, nicht immer die Stunden des gleichen Lehrers oder sogar den gleichen Stil auszuprobieren. Aus mehreren Gründen:

Abwechslung für den Körper

Wenn wir immer nur die Yogastunden eines Lehrers besuchen, gewöhnt unser Körper sich an die gleichen Bewegungsabläufe oder ähnliche Prinzipien…. und das sind häufig die Abläufe und Prinzipien, die für diesen Lehrer selbst gut funktionieren oder von denen er glaubt, dass sie für die Teilnehmer gut sind.

Genau, wie wenn man ständig nur 5 Kilometer joggt oder immer die gleichen Gewichte stemmt, kommt man in der Yogapraxis irgendwann auf ein Plateau, wenn man immer auf die gleiche Weise praktiziert. Das ist ganz besonders bei offenen, gemischten Yogaklassen so, bei denen das Unterrichtsniveau vor allem an Anfänger ausgerichtet ist. Ein neuer Lehrer bietet dir die Möglichkeit, deinen Körper auf andere Weise zu fordern, ohne gleich einen einarmigen Handstand machen zu müssen.

Und wenn die Ansagen des anderen Lehrers dir überhaupt nicht passen? Herzlichen Glückwunsch, auch dann hast du etwas ganz Wertvolles über dich und deinen Körper gelernt, was in einer Stunde mit dem “reibungslosen” Kursleiter nicht passiert wäre.

Abwechslung für den Kopf

Ob es uns passt oder nicht, wir sind Routinemenschen. Doch wie der Körper bleibt auch unser Geist nur dann beweglich, wenn wir ihm regelmäßig verschiedene Stimuli bieten.

Unser Gehirn fährt die meiste Zeit den gleichen, gewohnten Film ab. Lass dich einfach mal darauf ein, etwas ganz anderes zu machen. Oft assoziieren wir automatisch nur das Gewohnte positiv und schrecken vor allem Ungewohnten instinktiv zurück. Was dabei auch passiert: Große Teile unseres Gehirns pennen einfach und werden immer weniger gefordert.

Es muss dir ja noch nicht einmal gefallen! Wir leben ohnehin schon in so einer gefilterten Blase des Zielgruppenmarketings und unserer sozial-kulturellen Kreise. Was, wenn du einfach mal beobachtest, was es mit dir macht, wenn du etwas ganz anders machen sollst oder “dein” Lehrer dir nicht zur Seite steht. Ist diese eine Person wirklich so wichtig für DEINE Yogapraxis?

Du musst ja dazu in einer einzelnen Yogastunde gar nicht deine Seele verkaufen und dich gegen die Grundwerte deiner Existenz stellen, sondern kannst es ganz easy als Experiment sehen.

Erweitere deinen (Yoga-)Horizont

Schlussendlich ist auch jede Vertretungsstunde eine tolle Chance, mehr über die große Welt des Yogas zu lernen. Zugegeben, ich habe schon erlebt, dass jemand für eine Power Yoga Stunde einen Tai Chi Lehrer als Vertretung schickt oder es statt Iyengar eine Kundalini-Stunde gibt… aber das zeugt dann eher davon, dass der eigentliche Lehrer sich nicht viel darum kümmert, wer in seiner Abwesenheit nach seinen Teilnehmern schaut und sagt mehr über den denjenigen als seine Vertretung aus. Aber dennoch: Wäre das nicht passiert, hätte ich diese anderen Stile garantiert nie ausprobiert, weil ich wusste, da bin ich nicht der Typ für. Jetzt kann ich wenigstens objektiv mitreden und deutlich sagen, warum so mancher Stil nichts für mich ist.

Wenn dir etwas absolut nicht gut tut, dann lass es sein, aber störe weder den Lehrer noch die anderen Schüler. Wenn dich eine Sache in einer Stunde sehr verwirrt, sprich mit dem Lehrer nach der Stunde darüber – unterrichten ist eine große Herzenssache für uns alle und fast jeder wird sich freuen, wenn du Fragen stellst!

(Ausnahmen sind Assists, die dir wehtun! Da solltest du ganz vehement und sofort dem Lehrer Feedback geben!)

Und schließlich: Mach dich frei von Vorurteilen und benimm dich höflich gegenüber dem Vertretungslehrer. Ich habe schon krasse Dinge erlebt, als Lehrerin und Schülerin in Vertretungsstunden: Menschen, die der Vertretung in der laufenden Stunde böse Worte an den Kopf werden. Die ganze Teile der Stunde verweigern, auf ihrer Matte sitzenbleiben und die Vertretung anstarren. Die Vertretung ist meist sowieso schon nervös genug, sei wenigstens ein bisschen kooperativ.

Jetzt aber Hand aufs Herz: Was sind die seltsamsten oder lustigsten Dinge, die du in einer Vertretungsstunde erlebt hast? Als Teilnehmer oder Schüler?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s